- Offizieller Beitrag
Hiermit startet das erste Missionsleben der Omεɣɑ-Akademie
Hiermit startet das erste Missionsleben der Omεɣɑ-Akademie
Ich will den Vorlesungssaal ganz normal betreten. Wirklich. Das ist der Plan. Was dann passiert, ist… na ja. Sagen wir so: Wenn es eine olympische Disziplin im „Unauffällig stolpern“ gibt, sichere ich mir gerade die Goldmedaille. Die Tür gleitet auf, ich setze den ersten Schritt hinein — und mein Fuß bleibt an absolut nichts hängen. Wirklich nichts. Ein komplett leerer Boden, keine Stufe, kein Kabel, kein Hindernis. Nur ich und meine grenzenlose Fähigkeit, die Schwerkraft falsch einzuschätzen. Ich mache einen kleinen, sehr eleganten, absolut nicht peinlichen Ausfallschritt nach vorne, fange mich gerade noch so ab und tue dann so, als wäre das alles Absicht gewesen.
Zum Glück ist niemand da, der das sieht. Der Saal ist leer. Komplett leer. Ich könnte also theoretisch so tun, als wäre nichts passiert. Was ich auch tue. Mit der Überzeugung eines Schauspielers, der weiß, dass niemand im Publikum sitzt. Ich räuspere mich, als müsste ich meine Stimme testen, und gehe weiter hinein. Meine Schritte hallen so laut, dass ich mich automatisch umschaue, ob irgendwo ein Admiral auftaucht und fragt, warum ich sein Büro betrete. Wäre nicht das erste Mal, dass ich im falschen Raum lande. Fragt nicht.
Ich suche mir einen Platz in der dritten Reihe. Nicht zu weit vorne (ich möchte nicht wie jemand wirken, der sich freiwillig meldet). Nicht zu weit hinten (ich möchte nicht wie jemand wirken, der sich versteckt).
Ein perfekter „Ich bin normal, bitte ignoriert mich“-Platz. Ich setze mich. Der Stuhl quietscht. Natürlich. Warum sollte er auch nicht quietschen? Warum sollte irgendetwas heute leise sein? Meine Haut reagiert sofort mit einem leichten Schimmer an den Schläfen. Super. Genau das, was man braucht, wenn man versucht, unauffällig zu sein: eingebaute Stimmungsbeleuchtung. Ich atme tief durch, bis das Schimmern nachlässt.
Ich bin damit aufgewachsen, klar — aber das heißt nicht, dass ich es jedem sofort aufs Brot schmieren will. „Hallo, ich bin Espen, und meine Haut macht Disco, wenn ich stolpere“ ist jetzt nicht der Einstieg, den ich anstrebe. Ich lehne mich zurück und versuche, normal zu wirken.
Was natürlich sofort scheitert, weil ich darüber nachdenke, wie man normal wirkt. Was mache ich mit meinen Händen? Wohin schaue ich? Atme ich zu laut? Zu leise? Gibt es eine Atmungs‑Etikette?
Ich beschließe, einfach zu sitzen und so zu tun, als wäre ich ein Möbelstück. Möbelstücke wirken immer entspannt. Und sie glitzern nicht. Dann fällt mir ein, dass Möbelstücke keine überdurchschnittliche periphere Wahrnehmung haben. Ich schon. Also schaue ich automatisch zur Tür, obwohl niemand hereinkommt. Mein Gehirn: „Gefahr?“,
ich: „Nein, nur Einsamkeit.“. Ich warte. Auf die anderen. Auf den Unterricht. Auf… irgendwas.
Und während ich dasitze, denke ich ###Wenn jemand fragt, warum ich so früh da bin, sage ich einfach: „Ich wollte einen guten Platz.“ Und NICHT: „Ich wollte vermeiden, dass meine Haut im Stress anfängt zu glitzern.“ Und DEFINITIV NICHT: „Ich wollte nicht, dass jemand sieht, wie ich beim Reinkommen fast hingefallen bin.“ Ich seufze.
Leise. Damit niemand denkt, ich hätte ein Atemproblem.
Lt. Cmdr. Ravel würde sonst wieder begeistert Notizen machen. Ich richte mich auf, lächle in den leeren Raum und denke: Okay, Espen. Du bist der Erste. Du hast es geschafft, ohne Zeugen fast hinzufallen. Du kannst das. Und falls nicht… …dann bist du wenigstens früh genug da, um in Ruhe in Panik zu geraten.
Ein Tag vor der Akademie
Lilly hatte Bis an die Leine genommen. Der panrhergroße Ozeval mochte das gar nicht, aber die anderen Mitreisenden waren dann etwas weniger besorgt darüber, eventuell gefressen zu werden. Komischerweise hielten alle größtmöglichen Abstand zu den Beiden. Lilly konnte das nicht nachvollziehen. Auf Utopia hatte sie sich von Pete verabschiedet, ihrem Dad. Er war auf die Harmony abgebogen, um sein Patenkind Jonathan kennen zu lernen.
Irgendwie war es komisch. Sie hatte angenommen, dass Pete eine Szene machen würde. Aber sowohl der Flug als auch der Abschied waren überraschend harmonisch verlaufen. Der Trill war dennoch ungewöhnlich still gewesen. Und sie auch.
Es war das erste Mal, dass sie wirklich alleine war. Mom und Dad waren jetzt weit weg.
Das war aber auch aufregend! Und sie hatte ja Bis, der auf sie aufpasste. Sie war sich sicher, dass Pete sie ohne den Ozeval nicht hätte gehen lassen. Er war ein sehr guter Beschützer und er hatte das auch bereits gezeigt. Pete war davon überzeugt, dass keiner an dem Ozeval vorbei kam und Lilly etwas antun könnte. Als ob auf dem Flug von Utopia bis zur Erde irgendwas spannendes hätte passieren können....
Jedenfalls...Sie war daraufhin allein weitergeflogen bis zur Erde. Nun stand sie am Shuttlehafen und wartete auf Henry, der sie hier abholen wollte.
Sie hatte ihr Gepäck geschultert und suchte mit den Augen die Halle ab, bis sie ihren Onkel -er war nicht wirklich ihr Onkel, aber das spielte keine Rolle- winkend auf sie zukommen sah.
"Lilly Farrell, mein Gott bist du groß geworden!" begrüßte er sie und wollte sie drücken, doch Bis schob sich dazwischen und zeigte ihm seine beeindruckenden Zähne, daher zögerte er.
"Onkel Henry!", rief Lilly, ignorierte Bis und drängte ihn ab, schlang ihre Arme um Henrys Hals. Der Ozeval ließ es problemlos zu. Hätte Lilly anders reagiert, wäre Henry wohl nur noch ein hässliches Stück zerkautes Fleisch gewesen.
Er hatte Lilly den Ozeval geschenkt, ganz zum Missfallen Petes. Damals hatte er aber auch noch Katzengröße gehabt. Jetzt war er....groß. Nein, riesig und Henry überlegte ob seine Bude die beiden überhaupt aushielt. Vor allem Bis' Krallen. Er wusste, dass der Ozeval gerne an der Decke hing und Leute überfiel, die unter ihm durchgingen. Das würde echt spannend werden.
"Pete hat dich also tatsächlich allein weiterfliegen lassen?"
Lilly nickte.
"Ja, hat mich auch überrascht, aber ich habe ja Bis. Alle halten Abstand zu ihm, dabei ist er doch so flauschig und lieb, stimmts, Bis?" Sie tätschelte ihm den Kopf und er rieb ihn zusätzlich an ihrer Hüfte.
"Äh, ja. Na los, komm. Ich hab Abendessen gekocht."
"Du hast gekocht?" fragte sie vorsichtig und Henry nickte stolz. Lilly nahm sich vor, Bis zuerst probieren zu lassen. Fraß er es, konnte sie es höchstwahrscheinlich auch essen. Guter Plan. Vielleicht konnte sie ihren Onkel ja währenddessen bequatschen und ihm schmeicheln, dass sie doch noch in der Kadettenunterkunft einen Platz bekam. Pete brauchte das ja nicht zu erfahren.
Als sie in ihrem neuen Zuhause ankamen, bezog Lilly das kleine Zimmer, das Henry für sie hergerichtet hatte. Sie warf ihre Sachen einfach aufs Bett. Bis wurde abgeleint und auch das Halsband machte sie weg.
Es gab gleich Abendessen, aber davor wollte sie zuallererst kurz ihre Mom sprechen. Daher öffnete sie eine COM-Verbindung zur Starbase. Sie plauderte munter drauf los und war kaum zu bremsen.
****Hi Mommy, ich bin gut bei Onkel Henry angekommen. Stell dir vor, er hat sogar was für mich gekocht. Also so richtig, ohne Replikator. Ich werde Bis versuchen lassen. Wenn er es mag, ist es wohl essbar. Wenn ich mich nicht mehr melde, sind wir wohl beide daran gestorben.**** Sie kicherte. Natürlich hatte sie das nicht ernst gemeint.
****Der Flug war übrigens sterbenslangweilig. Dad ist jetzt nicht unbedingt die Unterhaltung in Person gewesen.
Henrys Haus ist toll. Ich hab sogar ein eigenes Zimmer, Mom. Aber ich würde trotzdem viel lieber im Kadettenwohnheim sein. Dad übertreibt einfach, Mom! Bittee*** Versuchte sie es noch mal. Vielleicht gab Nathalie ja nach. Aber leider Fehlanzeige. Lilly seufzte resigniert.
***Ihr seid so gemein. Ich weiß, dass Haustiere da nicht erlaubt sind, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Bis da reinschmuggeln könnte. Es würde gar nicht auffallen!*** Dass es nicht ganz so einfach war, war ihr allerdings auch klar. Aber der Wunsch dazu war nun mal da.
Dennoch, Lilly gab auf.
***JA, okay, okay, schon klar.
Wir werden bei Onkel Henry wohnen und von hier aus die Akademie jeden Tag besuchen, am besten nimmt Onkel Henry mich morgen mit hin und nimmt mich abends wieder mit heim. Bis bleibt hier und wartet, bis ich wieder komme. Onkel Henry hat desweiteren die Entscheidungsgewalt über mich und Bis, sorgt für unser Wohlergehen und wir sind dankbar dafür und machen ihm nicht das Leben schwer. Schon verstanden. ****spulte sie in einer monotonen und gelangweilten Tonlage ab, gepaart mit einem scharfen Unterton. Inhaltlich gab sie das, so wie sie es zusammen ausgemacht hatten, wieder. Aber es passte ihr trotzdem nicht. Sie war schließlich kein Baby mehr, sondern 15 Jahre alt!
****Hat Dad sich denn schon gemeldet, dass er gut angekommen ist?****
Wie sie erfuhr, hatte er sich gemeldet. Kurz, über eine schriftliche Notiz, also nicht über eine COM-Verbindung. Das machte sie ein wenig traurig, ließ es aber nicht zu, dass Nathalie das bemerkte.
Dann hörte sie Henrys Stimme. Er rief nach ihr, dass das Essen fertig sei und sie zu Tisch kommen sollte.
***Mom, ich muss Schluss machen. Es gibt jetzt essen. Hab dich lieb, und grüß Dad von mir, wenn du ihn sprichst, okay?**** Sie gab Nathalie einen Luftkuss mit, ehe sie die Verbindung beendete und Henrys Ruf folgte. Henry hatte indes sowohl Nathalie als auch Pete eine kleine Notiz geschickt, dass Lilly bei ihm wohlbehalten angekommen war. Würde er das nicht, würde vermutlich ein Trill durchdrehen und stünde in weniger als einem Tag auf seiner Matte, da war er sich sicher.
Am nächsten Tag
Wie ausgemacht begleitete Henry Lilly an ihrem ersten Tag an der Akademie zum Hörsaal. Vor der Tür blieben sie stehen.
"Wir sind da." bemerkte Henry das Offensichtliche und blieb vor der offenen Tür stehen. Lilly ebenfalls.
"Gut. Onkel Henry, den Rest schaff ich alleine, okay?" sagte Lilly. Sie fand es peinlich, dass er sie so weit begleitet hatte.
"Okay". antwortete er, aber rührte sich nicht von der Stelle. Er machte keine Anstalten zu gehen. Lilly wurde ungeduldig und tibbelte von einem Fuß auf den anderen.
"Hey Krümel, soll ich dich nachher zum Mittagessen abholen? Wir könnten gemeinsam in die Mensa gehen."
Lilly verzog das Gesicht. Krümel war ihr Kosename gewesen im Alter von 6!
"Nenn mich bitte nicht Krümel, Onkel Henry, das ist peinlich."
"Alles klar. Also dann..... Nicht-Krümel, wie siehts aus mit Mittagessen? Höre ich ein Ja?"
Lilly entfuhr ein Hmpf. Die Umformulierung machte es nicht besser, daher bekam Henry ein gefauchtes "Nein." zurück. Henry zuckte leicht zusammen. Das hatte sie gesehen und nahm die Schärfe aus ihrer Stimme. Er meinte es ja nur gut. Und sie war vermutlich die erste 15jährige, mit der sich Henry arrangieren musste als quasi Ersatzvater hier.
"Nein. Ich komm klar, Onkel Henry, wirklich. Ich stehe heute Abend um 5 vor deinem Büro, damit wir gemeinsam heim gehen können, wie abgesprochen. Aber lass mich bitte den Tag hier über selber überstehen. Ich bin kein Kind mehr, das betüdelt werden muss. verstehst du das?" Er schwieg, dann kam ein Nicken und Lilly atmete auf.
'Tatsächlich, ja. Irgendwie schon."
"Gut. Mach's gut, Onkel Henry. " Sie drückte ihn-ganz kurz und unauffällig, ehe sie dann den Hörsaal betrat. Dieser war wie ein antikes Amphitheater aufgebaut. Zwei Treppen führten nach unten, wo der Dozent stehen würde. Lilly befand sich auf der rechten Treppe. Jede Sitzreihe wurde durch die Treppen dreigeteilt.
Lilly sah sich um. Der Saal war noch leer, bis auf eine Person, stellte sie fest. Er, ein Junge, saß in Reihe drei, rechts der Treppe.
Lilly nahm die Stufen geschmeidig und ging langsam nach unten.
Sie ging mit erhobenem Kopf an dem Jungen vorbei, suchte sich bewusst die erste Reihe in der Mitte aus und rutschte auf den zweiten Platz von der Treppe aus gesehen. Es mochte arrogant wirken, wie sie ihn bewusst ignoriert hatte, aber sie hatte ihre Gründe. Besser, ihren Grund dazu. Bis.
Und, sie wollte alles mitbekommen. Sie wollte zeigen, dass sie trotz ihres jungen Alters richtig an der Akademie war. Ihr war es egal, ob andere sie als Streber ansehen würden. Sie hatte das Gefühl, beweisen zu müssen, dass sie hier her gehörte. Und: Niemand würde sich hier neben sie setzen.
Das war... gut so. Sie brauchte niemanden. Sie hatte Bis.
Sie klappte den Sitz herunter und hielt sich gerade, packte ein PADD und einen Stift aus und legte beidesvor sich auf den kleinen Tisch und sah nach vorn.
Bis war ihr Haustier. Ihr Beschützer. Auch wenn Henry gesagt hatte, er müsse zu Hause bleiben, war der Ozeval mitgekommen. In Phase, und dadurch für andere nicht zu sehen. Jetzt lag er im Fußraum unter Lillys Sitz. Und links und rechts neben ihrem Sitz ebenfalls....Katzengröße war gestern gewesen.
Kurz blitzte etwas lilanes auf der Treppe auf. Plüsch? Es war zu kurz gewesen, um was zu erkennen und es zuzuordnen zu können. Lilly sah sich schnell um, aber sie waren immer noch zu Zweit hier. Dann schubste sie absichtlich ihren Stift auf den Boden und tauchte nach unten ab, um ihn aufzuheben.
"Zurück in Phase, Bis, oder du musst draußen im Gebüsch warten" zischte sie sehr leise. Ein leises Rascheln, ein leicjtes kratzen, dann tauchte ihr Kopf wieder auf. Sie legte den Stift wieder ab und faltete die Hände auf dem PADD. Lilly starrte darauf, wartete, bis es losging.
Bis durfte auf gar keinen Fall gesehen werden! Aber er konnte sich auch nicht dauerhaft in Phase befinden. Normalerweise setzten Ozevals diese Möglichkeit zur Jagd ein. Es war eine anstrengende und energieaufwändige Strategie. Aber 3 bis 4 Stunden schaffte er. Da eine Vorlesung nicht so lange dauerte, würde es gehen. Sie würde sich deshalb zwischen den Vorlesungen irgendwo versteckt im Akademiegarten aufhalten, wo sie ganz alleine war. Irgendwie würde es gehen. Irgendwie musste es gehen.
Lilly war sich bewusst, dass sie dadurch recht schnell als Sonderling unter den Kadetten gelten würde.
War sie sowieso.
15, vermutlich mit Abstand die Jüngste. Wohnte bei ihrem Onkel, der auch noch Dozent hier war. Saß allein in der 1. Reihe. Und hielt sich was Kontakte anbelangte zurück, damit Bis nicht aufflog.
Aber das musste genügen. Sie brauchte niemand sonst. Sie würde das hinkriegen.
Ihr wurde bewusst, dass sich der Saal langsam zu füllen begann.